WRITTEN ON Juni 26th, 2009 BY Carsten AND STORED IN Deutschland, Piratenthemen, Senf, Technik, Vernetzt

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Dieser Satz geistert als Schlachtruf durch zahlreiche Foren.

So Spiegel Online in einem durchaus lesenswerten Artikel. “Viele” und “zahlreiche” sind typische Journalistenfloskeln, wenn man keine Lust hat, die genauen Quellen zu recherchieren und zu verbreiten. Wie bereits gesagt, ist unsere Stärke, dass wir nicht faul sind, sondern nachfragen. Was hiermit geschehen ist: Der Satz steht unter anderem hier, hier und auch nochmal hier. Und zwar jeweils in Bezug auf den Spiegel Online-Artikel. Abgesehen von diesem Lapsus ist der Artikel aber sehr gelungen – zumal ich den Satz auch unterschreiben würde.

Eines fällt mir an ihm aber auf: Auch er behält die Zweiteilung in “wir” und “sie” bei, die auch ich hier schon wiederholt gebraucht habe. Das ist aber nicht unproblematisch, denn beide Pole sind nicht klar definiert, sind vielleicht auch gar nicht zu definieren. MSpro setzt sich auch mit diesem Problem auseinander und kommt zum Schluss, dass das “wir” darum nicht zu gebrauchen ist:

Ich habe ein “Wir” benutzt und habe in einer unangebrachten Vertretung gesprochen. Da kann man mal sehen wie tief doch noch das alte Denken aktiv ist. [...] Das Netz ist ein Geflecht aus Diskursen. Und alle denkbaren Diskurse finden hier auch statt. Hier wird nicht gestritten, um sich in einem Konsens zu einigen, sondern um sich gegenseitig mit Ideen zu befruchten, Informationen zu konzentrieren und herauszusenden. Das Internet pulst und atmet diese unterschiedlichen Sichtweisen, Meinungen und Weltbilder. Man kann sie nicht verengen, auf eine wie auch immer geartete Vertretung. Denn das Netz ist nicht einfach das Netz. Es eröffnet nicht den homogenen Raum einer selbstbezüglichen Bloggergemeinde, auch wenn oberflächlich betrachtet dieser Eindruck entstehen kann. Gesellschaft passiert, wo Kommunikationen stattfinden. So definierte es Luhmann sehr treffend. Und das heißt auch, dass schlussendlich hier die Gesellschaft an sich stattfindet. Nicht ausschließlich hier, das gebe ich zu. Noch.

Ich teile seine Bedenken – ein umfassendes Netzbenutzer-wir gibt es nicht. Und trotzdem komme ich zu einem anderen Schluss: Das wir ist im Zensur-Diskurs angebracht. Denn die diskursive Struktur des Netzes bringt immer wieder thematische Bewegungen und Allianzen hervor. Gruppen von wildfremden Menschen, die ein Thema einigt, auch wenn sie sich schon beim nächsten Anlass wieder heillos überwerfen. Themen und Mems erzeugen im Internet Ad-Hoc-Netzwerke und -Gruppen. Eine ebensolche ist aus der Debatte um Zensursula und Netzzensur entstanden. Eine Gruppe, die verstanden hat, was in dieser Frage alles auf dem Spiel steht. Sie ist äußerlich undefiniert und weitgehend strukturlos und darum soziologisch kaum als Gruppe zu bezeichnen. Wäre da nicht das Faktum der Identifikation. Denn diejenigen, die auch den Kampf gegen die Zensur in diesem Lande führen, wissen, dass sie das tun. Sie sind sich der Bedeutung und des Hintergrundes ihres Tuns bewusst und identifizieren sich damit. Diejenigen, die zum “wir” dazugehören, wissen dass sie gemeint, wenn sie hier oder woanders im entsprechenden Kontext “wir” lesen – und sie können das auch von den anderen wirs hier (und woanders) unterscheiden. Und davon gibt es eine Menge, sei es nun wenn ich von “uns Piraten” spreche oder von “wir beim Ausflug in Kanada”. Jedes davon kennzeichnet eine soziale Rolle, von denen wir alle eine Vielzahl ausfüllen – Dahrendorfs Homo sociologicus lässt grüßen.

“Sie” ist dagegen ein größeres Problem. Denn “wir” wissen, wer damit gemeint ist, nämlich diejenigen, die den Interessen unseres Ad-Hoc-Netzes entgegenstehen. Sie wissen das aber nicht, denn auch Ursula von der Leyen würde nicht sagen, sie sei für Zensur und gegen Freiheit. Wenn ich hier also von uns und denen schreibe, werde ich von denen nicht verstanden, da sie ja nicht Teil der Gruppe sind, die diese Beschreibungen anwendet. Ich werde also nur verstanden von denen, di ohnehin schon meiner Meinung und Teil der gleichen Gruppe sind und laufe damit offene Türen ein – eine ziemliche Energie- und Zeitverschwendung. Darum hier ein Fünf-Schritte-Test mit dem du rausfinden kannst, auf welcher Seite du stehst – so verstehen wir uns dann auch wieder. Beantwortest du eine oder mehrere Fragen mit “Ja”, gehörst du wahrscheinlich zu denen. Je häufiger du mit “Ja” antwortest, desto weiter drüben stehst du.

Wir oder Sie – der Selbsttest

  • Hast du ein Parteibuch von SPD oder CDU?
  • Glaubst du, dass Netzsperren ein wirksames Mittel zum Schutz von Kindern sind?
  • Ist das Internet für dich bedrohlich?
  • Denkst du, dass die Netzsperren wirksam auf das Kinderpornografie-Thema beschränkt sind?
  • Ist “Löschen vor Sperren” äquivalent zu “Löschen statt Sperren”?

 

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