Donnerstage haben bei mir seit jeher einen besonderen Ruf. Hier ist es genauso. Nur vollkommen anders. Hier beginnt meint Donnerstag mit meinem Genozid-Kurs (Critical Issues: Genocide and Conflict), geht dann weiter mit Gewalt (Violence and Non-Violence) und endet dann in/mit Katastrophen (Crisis, Human Aid and Development).
Den Tag um 10 Uhr mit ruandischem Leid in As We Forgive zu starten, ist wirklich kein Vergnügen.
Heute bin ich einen Monat hier. Meine Postingfrequenz hat sich nicht wesentlich erhöht, mein Schlafmangel dagegen erreicht gerade irrwitzige Höhen. Und das aus den ganz falschen Gründen: Lernen. Lesen. Schreiben. Nicht Bands sehen, Bier ausprobieren, feiern.
Verrauschte nächtliche University of Winnipeg. (Bildseite: http://www.23hq.com/zimmerpflanze/photo/3449564)
Das alles hat den unangenehmen Beigeschmack von Nutzlosigkeit. Die Betreuung hier ist besser - um Welten - als in Duisburg, wahrscheinlich Deutschland insgesamt. Der Unterricht ist interessanter. Das ganze System trifft den Kompromiss aus Verschulung und freier Bildung viel besser. Aber trotzdem: Das akademische, wissenschaftliche Niveau hier ist durchgehend niedriger. Das sorgt zwar für interessante (und massenhaft anfallende) Lektüre direkt von den Bestsellerlisten. Aber die ist eben nicht wissenschaftlich, argumentiert und belegt nicht, wie es wissenschaftliche Literatur tut.
Downtown Winnipeg. Der öde Part. (Bildseite: http://www.23hq.com/zimmerpflanze/photo/3449571)
Die Stadt hat es mir immer noch angetan, fühlt sich beinahe schon etwas heimisch an. Natürlich hat Winnipeg nicht die imposante Schönheit von Riga und wird es mir viel schwerer machen, hier ein vernünftiges Reiseprogramm auf die Beine zu stellen. Aber die Stadt hat ihren Charme. The Peg hat eine eigene Magie - man muss sich nur drauf einlassen. Aber das erwähnte ich ja schon. Und dann ist da noch die Musik.
Novillero bei der "A Little Tradition"-Releaseparty im Pyramid. (Bildseite: http://www.23hq.com/zimmerpflanze/photo/3449611)
Klasse. Ich erwähnte schon, wie großartig die Szene hier ist. Ich erwähnte auch schon, wie sehr ich mich auf Novillero freue. Und: Meine Erwartungen wurden übertroffen. Eines der besten Konzerte, die ich seit langem besucht habe.
Übertroffene Erwartungen scheinen hier Programm zu sein. Drückt mir die Daumen, dass das so bleibt.
Vorgestern ist etwas großartiges passiert: Das Ladegerät für meinen Kamera-Akku ist angekommen! Großartiger Anlass, um mal etwas herumzuspielen und euch zu zeigen, wo ich denn wohne. Tada:
(Das ist nicht ganz 360° und auch ansonsten sehr improvisiert - wird bei Gelegenheit gegen etwas besseres ausgetauscht). Falls Quicktime auf eurem Rechner fehlt, könnt ihr es herunterladen oder das ganze einfach als Bild anschauen:
Winnipeg - jedenfalls seine Handelskammer - ist ziemlich stolz drauf, in der Mitte zu liegen. In der Mitte Kanadas und des nordamerikansichen Kontinents. Es sei daher von überall gut zu erreichen, heißt es.
Das ist Bullshit. In einem Land von der Größe Kanadas heißt das nur, dass Winnipeg von überall weit weg ist. Und das ist gut so. Denn laut der mir bisher unbekannten Seite allbusiness.com hat die unfassbar reiche, vielseitige Musikszene hier mit eben jener Isolation zu tun. Und die ist ungeachtet der Grüne beeindruckend: Ich war in den letzten drei Jahren nicht auf so vielen Konzerten wie in den vergangenen drei Wochen in Winnipeg. Und fast die Hälfte der Gelegenheiten habe ich noch ausgelassen. Morgen (2008-09-11) spielen nun Novillero (MySpace) im Pyramid Cabaret, die ich nicht nur schon einmal unwissentlich in einer Episode von Monk sah, sondern auch ziemlich klasse finde. Womit ich übrigens nicht allein dastehe (PDF). Um es nicht bei grauer Theorie zu belassen:
Wenn ich in fremden Ländern mit dem Auto unterwegs bin, endet das immer in einer Katastrophe. Eine lettische erwähnte ich hier schonmal (der darin versprochene Samstag schlummert allerdings noch unvollendet in den Entwürfen). Außerdem wären da noch blutverschmierte Polizisten um ein Uhr nachts, Blitzertickets aus Amsterdem, eine zigstündige Odyssee durch Paris oder eine 700$-Rechnung aus New York - allesamt faszinierende Geschichten, die ich bei einem Bier nur zu gern erzähle. Und allesamt Beleg für die eingangs aufgestellte These. Der jetzt der schwarze Schwan des induktiven Vorgehens begegnet ist:
Eine völlig ereignislose Ausfahrt. Unter schlimmsten Voraussetzungen: Ein amerikanischer Mietwagen, nur Frauen zum Navigieren und ein so weites Land, dass nach Adam Riese eine mindestens zweieinhalbjährige Irrfahrt durch das Nirgendwo fällig gewesen wäre. Passiert ist nichts. Eine lange Fahrt auf unfassbar geraden (siehe Karte) Straßen mit selten mehr als 100km/h. Ein Besuch im historischen Mennoniten-Dorf. Ein Fußbad im Lake Falcon. Nichts, aber auch gar nichts, was eine gute Kneipenkonversationsgeschichte hergibt.
Außer… ja, außer man schmückt die paar Meter innerhalb der Stadt kräftig aus, in denen das Auto mit sieben Personen besetzt war. Aber auch da hat die Polizei den Wagen neben unserem angehalten. Langweilig.