Das Verhältnis zwischen Esten und Russen

Wie versprochen gibt es jetzt das Ergebnis der Mindmap-Arbeit. Ist zwar nicht das geworden, was ich mir erhofft habe - aber versprochen ist versprochen. Insbesondere hätte ich den jüngsten Streit um den Bronzesoldaten gern mit aufgenommen, zeigt er doch so klar, wie angespannt das Verhältnis zwischen Volksgruppen auch in europäischen Ländern noch sein kann.

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Das
Verhältnis zwischen den nationalen Mehrheiten und der
russischsprachigen Minderheit in den baltischen Staaten am Beispiel
Estlands


Kurzhausarbeit


Einführung in das
wissenschaftliche Arbeiten (C. W. Frieburg, Sommersemester 2007,
Universität Duisburg-Essen)


Carsten Kaefert


2. Fachsemester BA
Politikwissenschaft


Duisburg, 2007-06-01



Einleitung


Die Arbeit beschäftigt
sich mit dem Estland des 20. und 21. Jahrhunderts ab dem Moment der
Gründung der ersten Republik Estland. Estland – sowohl die SSR
als auch die Republik – wird bezüglich des Verhältnisses
der estnischen Mehrheit zur russischsprachigen Minderheit betrachtet.
Außerdem wird auf das zwischenstaatliche Verhältnis
zwischen Estland und Russland eingegangen.










Das 20. Jahrhundert –
Staatsgründung, Sowjetherrschaft und neue Souveränität


Die erste
Unabhängigkeit


Die Voraussetzungen für die
Gründung eines unabhängigen estnischen Staates wurden durch
die russische Februarrevolution von 1917 und den Erlass der
provisorischen russischen Regierung „zur Verwaltung des
Gouvernements Estlands und zur provisorischen Ordnung von dessen
Selbstverwaltung gelegt. Dennoch sollte es noch einige Jahre dauern,
bis Estland die Eigenstaatlichkeit erreicht. So wurde es bald nach
Ausbruch der Oktoberrevolution ebenfalls bolschewistisch. Allerdings
reiften in dieser Zeit auch die ersten Ideen von einem unabhängigen
Estland, welche am 24. Februar 1918 in der Proklamation eines
Manifests „an alle Völker Estlands“ durch Mitglieder des
estnischen Landtages in Tallinn kulminierten – ein Tag, der bis
heute als Geburtsstunde des unabhängigen Estlands gilt1.


Doch schon am 25. Februar besetzten
vorrückende deutsche Truppen die estnische Hauptstadt Tallinn,
was das Land zwar von der Sowjetherrschaft befreite, aber unter ein
ebenso ungeliebtes deutsches Besatzungsregime brachte. Trotzdem
gelang es, im neutralen Ausland und bei den Staaten der Entente den
estnischen Landtag als Repräsentationsorgan durchzusetzen2.


Nach der Kapitulation des Deutschen
Reiches versuchte die Sowjetunion, die verlorenen baltischen Gebiete
zurückzuerobern. Obwohl die Rote Armee Ende 1918 Tallinn
bedrohte, konnte dank internationaler Hilfe die Unabhängigkeit
Estlands gewahrt werden. Ein Jahr nach dem Geburtstag der Republik
Estland befanden sich keine feindlichen Truppen mehr auf deren
Territorium. So wurde am 2. Februar 1920 der estnisch-sowjetische
Friedensvertrag unterzeichnet, in dem die Sowjetunion auf sämtliche
Ansprüche in Estland verzichtet.3


In der Zwischenkriegszeit hatten die
Esten einen Anteil an der Bevölkerung fast 90 Prozent, dennoch
wurde ein für damalige Zeit sehr weitreichendes System zum
Schutze andersnationaler Minderheiten installiert4.
Die mit Abstand größte Minderheit war die Russische mit
8,2 Prozent. Den Minderheiten wurden weitreichende Freiheiten auf
Verfassungsebene eingeräumt. So gab es ein Recht auf
Schulunterricht in der Muttersprache und Deutsche, Russen und
Schweden konnten sogar in ihr mit den estnischen Zentralbehörden
korrespondieren. Auch zur kulturellen Selbstorganisation bestanden
weitgehende Rechte5.


Zweiter Weltkrieg und
Eingliederung in die Sowjetunion


Nachdem die baltischen Staaten in einem
geheimen Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt6
der sowjetischen Einflusssphäre zugeschlagen wurden, die
Annexion aber durch die deutsche Besatzung verhindert wurde, begann
die Rote Armee nach dem Rückweichen der deutschen Truppen im
September 1944 mit dem Wiedereinmarsch in die baltischen Staaten.


Direkt im Gefolge der Armee betraten das
Land auch Einheiten der Sicherheitsdienste, die die umfassende
Sowjetisierung des estnischen Staates sicherstellen sollten.


Im Rahmen der Sowjetisierungsmaßnahmen
wurden zunächst sämtliche Staatsfunktionen unter Kontrolle
gebracht. Zu den ersten Handlungen der sowjetischen Herrscher
gehörten eine Volkszählung und Mobilmachung noch im Jahre
1944. Dies ging einher mit dem Aufbau der Kommunistischen Partei und
der Einrichtung von Dorfsowjets7.


Noch im Jahr 1944 begannen massenhafte
Deportationen, die sich zunächst hauptsächlich gegen Männer
richteten, die in irgendeiner Form mit den deutschen Besatzern
kollaboriert haben und somit verdächtig waren, der
Partisanenbewegung der Waldbrüder anzugehören. Eine zweite
große Deportationswelle gab es im März 1949. Sie richtete
sich in der Hauptsache gegen Bauern, die sich der
Zwangskollektivierung widersetzten. Der daraus resultierende
Bevölkerungsschwund wurde durch die Ansiedlung von Russen
ausgeglichen, womit die Russifizierungspolitik in Estland ihren
Anfang nahm8.


Nach dem Abschluss der
Zwangskollektivierung wurde Estland, das jetzt Estnische
Sozialistische Sowjetrepublik (ESSR) hieß, durch eine
Verfassungsänderung im Jahre 1953 in sämtlichen Bereichen
der sowjetischen Staatsstruktur angepasst. Das Eigentum wurde
abgeschafft, die ESSR letztlich zu einer bloßen
„Verwaltungseinheit“9
der Sowjetunion degradiert.


Bezeichnend für die Herrschaft der
Sowjetunion in den baltischen Staaten war eine umfassende
Russifizierungspolitik. So belaufen sich Schätzungen für
den Januar des Jahres 1945 auf eine Bevölkerung von 868.000
Esten und 88.000 Russen10.
Im Jahre 1979 kamen auf 947.812 Esten 466.289 Mitglieder
russischsprechender Minderheiten11.
In einigen Teilen das Landes waren die Esten zur Minderheit
geworden12.


Zusammenbruch der Sowjetunion und neue
Unabhängigkeit


Erst gegen Ende der achtziger Jahre
keimte wieder Hoffnung auf einen estnischen Nationalstaat auf: 1987
protestierten Jugendliche gegen eine Erweiterung des Phosphatabbaus
im Norden des Landes, was sowohl Umweltverschmutzung als auch eine
Verstärkung der Russifizierung bedeutet hätte. Solche
Bewegungen wurden durch die Moskauer Glasnost-Politik erst
ermöglicht; die Reformen dieser Zeit führten auch zu einer
Dezentralisierung, die die Hoffnung auf eine zumindest
wirtschaftliche Selbstverwaltung Estlands nährten. Unter den
Studenten der Universität von Tartu, die auch schon bei der
ersten Unabhängigkeit eine Rolle spielte, wurden Forderungen
nach politischen Änderungen in Regierung und Partei laut.


Im April 1988 erließ der Verband
der Kulturschaffenden Estlands eine Resolution, in der er massive
Kritik sowohl an der ESSR als auch an der UdSSR übte und
weitreichende Forderungen stellte, darunter die Aufklärung der
Deportationen und Gedenken an deren Opfer im Geschichtsmuseum der
ESSR und einen Stopp der Zuzüge russischer Bürger (der im
Herbst in Form einer Einwanderungsabgabe auch durchgesetzt wurde)13.


Der wachsende öffentliche Druck,
entscheidend mitgetragen von der neugegründeten Volksbewegung
„Volksfront Estlands“, beschloss das Parlament der ESSR am
16.11.1988 vier Gesetze: Eine Deklaration der estnischen
Souveränität, eine Reihe von Verfassungsänderungen,
die die Anerkennung der UN-Menschenrechte, die territoriale
Integrität Estlands, die Wiedereinführung des
Privateigentums und eine Regelung, nach welcher der Oberste Sowjet
der ESSR Gesetze der UdSSR außer Kraft setzen kann,
beinhaltete, eine Aufforderung zur Ausarbeitung eines Bundesvertrages
sowie die Zurückweisung zahlreicher vorgeschlagener Änderungen
an der Verfassung der Sowjetunion. Hieraus resultierte eine
Verfassungskrise14.


Die Unabhängigkeit der baltischen
Staaten ist zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr aufzuhalten.
Besonderen Ausdruck finden die Bestrebungen in allen drei Ländern
in der Baltischen Menschenkette, die von Estland bis Litauen reicht15.
Zwischen dem 19. und 21. August 1991 kommt es in Moskau zu einem
Putschversuch, dessen Scheitern das endgültige Ende der
Sowjetunion markiert (ihre Auflösung erfolgt jedoch erst am
25.12.1991). Am 20. August erklärt der oberste Rat die
Unabhängigkeit Estlands. Seit dem 27. September 1991 ist Estland
Mitglied der UN16.


Für Estland beginnt nun eine
Periode der Rückkehr in die internationale Gemeinschaft, die in
der Aufnahme in die NATO (02.03.2004) und die EU (01.05.2004)
gipfelt.



Literaturverzeichnis:



1Uibopuu,
Henn-Jüri: Die Entwicklung des Freistaates Estland, in:
Meissner, Boris [Hrsg.]: Die Baltischen Nationen. Estland Lettland
Litauen. 1. Aufl. Köln: Markus Verlagsgesellschaft mbH. 1990.
S. 52




2ebenda,
S. 52-53




3ebenda,
S. 53




4Schmidt,
Carmen: Der Minderheitenschutz in den baltischen Staaten. 1. Aufl.
Bonn: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. 1993, S. 13




5ebenda,
S. 14-15




6NS-Archiv:
Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt mit geheimem
Zusatzprotokoll.
http://www.ns-archiv.de/krieg/sowjetunion/vertrag/nichtangriffspakt.php
(Stand: 2007-05-31)




7Uibopuu,
Henn-Jüri: Estland pocht auf seine Unabhängigkeit. In:
Meissner, Boris [Hrsg.]: Die Baltischen Nationen. Estland Lettland
Litauen. 1. Aufl. Köln: Markus Verlagsgesellschaft mbH. 1990.
S.110




8ebenda,
S. 111




9ebenda,
S. 111




10ebenda,
S. 115




11ebenda,
S. 116




12Schmidt,
Carmen: Der Minderheitenschutz in den baltischen Staaten. 1. Aufl.
Bonn: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. 1993, S. 18




13Uibopuu,
Henn-Jüri: Estland pocht auf seine Unabhängigkeit. In:
Meissner, Boris [Hrsg.]: Die Baltischen Nationen. Estland Lettland
Litauen. 1. Aufl. Köln: Markus Verlagsgesellschaft mbH. 1990.
S.118-119




14Uibopuu,
Henn-Jüri: Estland pocht auf seine Unabhängigkeit. In:
Meissner, Boris [Hrsg.]: Die Baltischen Nationen. Estland Lettland
Litauen. 1. Aufl. Köln: Markus Verlagsgesellschaft mbH. 1990.
S.120-122




15Wistinghausen,
Henning von: Im freien Estland. Erinnerungen des ersten deutschen
Botschafters 1991-1995. 1. Aufl. Köln, Weimar, Wien: Böhlau
Verlag. 2004. S. 665




16Wistinghausen,
Henning von: Im freien Estland. Erinnerungen des ersten deutschen
Botschafters 1991-1995. 1. Aufl. Köln, Weimar, Wien: Böhlau
Verlag. 2004. S. 666-668


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