Literatendämmerung
Bevor ich schlussendlich zum Athen-Artikel komme, muss ich noch intellektuell höchst anspruchsvollen Wortmüll durch den Äther jagen. Der grummelige alte Mann und selbsternannte Vaterlandslose Geselle hat nämlich eingeräumt, dass er als (grummeliger?) Siebzehnjähriger gar nicht so vaterlandslos war. Noch nicht einmal ein Geselle, nein, Günter Grass war Kamerad bei der Waffen-SS.
Und er ist nicht der einzige Schreiber, der sich jetzt mit Vorwürfen der Bräune konfrontiert sieht. Jostein “Sofies Welt” Gaarder hat zum Thema Libanonkonflikt ziemlichen Mist geredet. Ich hab den Text nur überflogen (immer dran denken: Ich bin Blogger, was mir das Bild-Redakteursprivileg gibt: Ich muss nicht recherchieren), aber der Mann geht mir zu weit in seiner Leugnung des israelischen Existenzrechts. Dagegen hilft auch kein “Juden sind ja ganz tolle Leute, aaaber…” oder “Natürlich hat Israel ein Existenzrecht, aaaber…” (solche abers haben immer viele a). Sowas machts nur noch schlimmer. Anstatt die Argumentation noch weiter auseinanderzunehmen, verweise ich lieber auf Jens Scholz. Der Mensch hat nämlich mehr Ahnung vom Thema und hat ein paar Schlüsse gezogen, für die ich um fünf Uhr morgens einfach zu müde bin. Da wäre zum Einen die leidige Unterstellung Gaarders, dass wir es hier mit einem durch und durch religiösen Konflikt zu tun hätten. Für Jens Scholz ist der aber zumindest auf israelischer Seite ein rein politischer - und ich bezweifle sogar die tiefe Religiosität der Hisbollah-Motive. Ein paar solcher Punkte gibt es da noch, für die ich mich allerdings auf eure Lesefähigkeiten verlasse.
Ich möchte nämlich nochmal zu unserem lokalen Nobelpreisträger zurückkommen, bzw. zu den Schlagzeilen, die sein Geständnis jetzt hervorruft. Und die könnten verschiedener kaum sein: Während es für die einen nur “Ein bisschen spät” kommt, ist es woanders “Das Ende einer moralischen Instanz” oder zumindest eine “Entwertung“, was wiederum eine nette Fahrkartenautomaten-Konnotation hat: “Bitte vergessen Sie nicht, Ihren Literaten zu entwerten. Nur mit leserlich aufgestempelter Nazivergangenheit berechtigt dieser zur Teilnahme an der Diskussion”.
Nun haben viele alte Männer sich irgendwann braun bekleckert und der Vorwurf der Jugendsünde an Herrn Grass ist weniger schwer als der des Altersstumpfsinns beispielsweise an einen Peter Scholl-Latour, aber man darf doch stutzig sein ob des Zeitpunktes: Marketinggerecht kurz vor der Veröffentlichung der Autobiographie. Bei der deutschen Seele garantieren die Begriffe “SS” und “Nazi” immer noch einen Bestseller - Schadenfreude und Häme erst recht. Und die werden nicht wenige vom unbequemen Grass genervte Bürger empfinden. Erinnert mich an die Phase der Erinnerung und Ewiggestrigen-Diskussion vor dem Erscheinen von “Im Krebsgang”.
Eins haben Gaarder und Grass außer dem Anfangsbuchstaben hier noch gemein: Irgendwie scheinen diese Spektakel reichlich unwürdig zu sein.
Und jetzt gute Nacht.
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